01.03.2018

Ehrenamt 4.0

Führung und Zusammenarbeit im Fokus – Teil I

[Brüggemeyer/Lutz] Die gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Transformations- und Wandlungsprozesse schreiten mit zunehmender Dynamik voran. Für viele Organisationen besteht die größte Herausforderung darin, Lösungen für die zunehmende Komplexität in ihrem Aktionsfeld zu finden. Die unter dem Trendbegriff #VUKA* (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) „geprägte Welt funktioniert anders als alles, was wir bisher kannten. […] Erprobtes funktioniert nicht mehr – Best Practices sind Past Practices“ (Scheller 2017, S. XIV). In der aktuellen Führungs- & Managementliteratur werden zunehmend Ansätze und Konzepte diskutiert und umgesetzt, die sich unter dem Begriff #NEWWORK* oder übertragen auf den Sport #NEUESEHRENAMT* zusammenfassen lassen. 

Einige Organisationen wie die niedersächsische Hotelkette Upstalsboom oder die Hannoveraner Möbelfirma Connox haben sich auf den Weg einer radikalen Kulturveränderung gemacht, weil sie „glauben, dass die Wirtschaft einen Neuanfang braucht. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die einstigen Regeln und Definition von Arbeit und Unternehmensführung in absehbarer Zeit nicht mehr gelten“ (Janssen 2017, S. 2). Den Kern bildet die Weiterentwicklung einer beziehungs- und werteorientierten Organisationskultur. Es geht um ein „gelingendes Miteinander, […] Sinnorientierung beim Einzelnen und innerhalb einer Gemeinschaft, um mehr Freude und Freiheit bei der Arbeit“ (ebd., S. 2). Im Mittelpunkt steht der Mensch Mitarbeiter mit seinen Bedürfnissen. Gerade im Kontext von ehrenamtlichem und bürgerschaftlichem Engagement – bei dem Engagierte ihre kostbare (freie) Zeit und Wissen spenden – gewinnt die Etablierung einer Wertschätzungskultur und Potentialorientierung zunehmend an Bedeutung. Im Vordergrund steht die Erfüllung der Bedürfnisse der ehrenamtlich und freiwillig Engagierten nach Sinn, Gemeinschaft, Freude, Mitgestaltung und Mitbestimmung.

Die Abteilung Organisationsentwicklung, mit ihren Engagement- & Prozessberatungsteams, hat sich auf den Weg gemacht, Konzepte der #kollektiven Führung und des #agilen Managements auf Sportverbände zu übertragen. Diese Expertise wird Thema der Arbeitstagung „OE-erleben – Forum für Verbände und Zukunftsentwickler“ im September sein.

Einen ersten Erfahrungsbericht unter der Fragestellung „Ist kollektive Führung auch in Sportorganisationen möglich?“ hat uns der Engagement- & Prozessberater Klaus Brüggemeyer (Göttingen) zur Verfügung gestellt:
„20 Beraterinnen und Berater aus dem knapp hundertköpfigen Beraterpool des Landessportbundes (LSB) Niedersachsen haben an dem zweitägigen Workshop „Kollektive Führung, Selbstorganisation und agiles Management“ in der Akademie des Sports teilgenommen. Marco Lutz, Referent aus der Abteilung Organisationsentwicklung des LSB, hatte dazu zwei Experten des Vereins Leadership³ eingeladen, die nicht nur kommerzielle und Non-Profit-Organisationen zu diesem Thema beraten, sondern die Prinzipien der kollektiven Führung auch im eigenen Verein umsetzen. Ziel des Workshops war es, zu überprüfen, ob Prinzipen dieses Führungsstils auch in Landesfachverbänden oder Vereinen umgesetzt werden könnten.

Dabei beschreibt kollektive Führung eine Kooperationskultur, in der möglichst alle Beteiligten einer Organisation Führungsinitiativen und -aufgaben übernehmen. Das kann bedeuten, dass nicht per se die Führungsposition, sondern die jeweils situativ höchste Kompetenz die situative Hierarchie bestimmt. Wenn beispielsweise ein Team sich selbst überlassen auf einem Segelboot auf dem offenen Meer befindet, macht es Sinn, dass in solch einer Situation die Person mit nautischen und Segelkenntnissen die Führung übernimmt. Kollektive Führung ist von hoher individueller Selbstverantwortung eines jeden einzelnen Menschen und tiefer menschlicher Verbundenheit innerhalb der jeweiligen Organisation gekennzeichnet.

Kollektive Führung kann da entstehen und sich entwickeln, wenn der einzelne sein Potenzial lebt, wenn Entscheidungen da getroffen werden, wo die höchste situative Kompetenz ist und wenn geeignete Methoden und Strukturen diesen Prozess und diese Kultur unterstützen.

Das, so die erfahrenen Referenten, Jonathan Klodt und Hendryk Obenaus, setze grundsätzlich innerhalb einer Organisation ausgeprägte Kommunikation, offene Kritik, flache Hierarchien, kurze Umsetzungszyklen, starkes Vertrauen in die Mitarbeiter und deren Selbstorganisation voraus sowie verantwortungsvolle Aufgabenverteilung, bei der die Fähigkeiten aller genutzt werden.

Ein Kulturwandel innerhalb einer Organisation brauche Zeit, Präzision und ein Wissen darüber, welche Schritte eine Organisation gehen wolle und welche nicht, so das Referentenduo. Und auch dabei hat der allen Teilnehmenden verinnerlichte Satz aus der Beraterausbildung Gültigkeit: „Wer sich verändern will, muss auch lieb Gewonnenes loslassen können“.

Am Ende der zwei Workshoptage gab es unisono Lob für die Referenten von den Beraterexperten. Ob kollektive Führung in Sportverbänden umsetzbar ist, bleibt aber offen. Erfahrungen dazu liegen bislang nicht vor. Dennoch gab es für die Teilnehmer Wissen, Tools und Impulse, die in jedem Beratungsprozess nutzbringend eingesetzt werden können“ (Brüggemeyer, 2017).

Literaturnachweise:
Scheller, T. (2017): Auf dem Weg zur agilen Organisation, München.
Janssen, B./Grün, A. (2017): Stark in stürmischen Zeiten. Die Kunst, sich selbst und andere zu führen, München.

Weblinks:
www.der-upstalsboom-weg.de
www.connox.de
www.agil-werden.de

*Lesen Sie in einer der nächsten Ausgaben mehr zum Thema.

15.02.2018

Kick-Off der Arbeitsgruppe "OE-erleben - Forum für Verbände und Zukunftsentwickler"

v.h.l.: Dennis Rokitta (NBV Basketball), Markus Bennewitz (NBV Badminton), Jennifer Knacke (NTB), Carsten Röhrbein (NTB), Marten Neppert (LSB), Gabi Bösing (LSB), Susann BargedelRio (LSB), Marco Lutz (LSB) und Kristin Levin (LSB).  

[Lutz] Wer das Thema #SELBTORGANISATION und #NEUESEHRENAMT und #AGILES Arbeiten ernst nehmen will, muss natürlich bei sich anfangen auch so handeln. Wir starten mit einem Selbstversuch.

Zur Vorbereitung der Arbeitstagung "OE-erleben - Forum für Verbände und Zukunftsentwickler" haben wir uns deshalb dazu entschlossen, von Beginn an die Zielgruppe der Tagung bei der Entwicklung zu beteiligen und agile Werkzeuge wie u.a.  TRELLO oder Appear.In einzusetzen.

Die "neue" Arbeitsweise hat vielschichtige Vorteile. Durch eine frühzeitige Einbindung (Mitgestaltung - Mitbestimmung - Transparenz) können wir ein "besseres Produkt" - orientiert an den Bedürfnissen unserer "Kunden" - entwicklen und durch agile Methoden sparen wir zeitliche, finanzielle und ökologische Ressourcen. Wir werden unsere Erfahrungen reflektieren und auch in die Tagung miteinfließen lassen.  

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